IfP, Hauptstr 19, 10827 Berlin
Freitag 22.02.2019 20:00 Uhr
Eintritt: 10 Euro, erm. 5 Euro

Dr. phil. Elisabeth Imhorst

Wir wären so gerne eindeutig

Geschlechterspannung oder die Schwierigkeit mit unseren bisexuellen Identifizierungen. Vortrag und Diskussion

Geschlechtsidentität ist ein notwendig fragiles innerpsychisches und soziales Konstrukt, etwas Fluides, das wir theoretisch und praktisch gerne vereindeutigen, je uneindeutiger es daherkommt. Denn dadurch, dass inzwischen in der sexuellen Lebenspraxis fast „alles“ geht und in der Geschlechtsidentität so viel lebbar geworden ist, öffnet sich nicht nur ein befreiender Möglichkeitsraum, sondern auch ein Angst-Raum. Die Aufweichung von lange Zeit tragenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit impliziert die Gefahr einer Labilisierung der eigenen, oft mühsam erreichten Identität. Und es scheint, als trügen uns die vertrauten psychoanalytischen Konzepte nicht mehr. Sich dessen bewusst zu sein, kann uns helfen, wenn wir unsere Patienten, wenn wir Eltern und Erzieher und wenn wir einige gesellschaftliche Entwicklungen verstehen wollen. Zwei Beispiele: Seit die Geschlechtsrollen aufgeweicht sind, gibt es fast nur noch rosa und blaue Farben bei Kleidung und Spielzeug. Seit klar ist, dass sich viele Menschen hinsichtlich ihrer Geschlechtlichkeit „dazwischen“ fühlen, d. h. zwischen dem gewussten und dem „gefühlten“ Geschlecht, wird mehr denn je versucht, Männlichkeit und Weiblichkeit genauer zu bestimmen. Geschlecht ist eine so fundamentale Orientierungsmarke, dass wir nur schwer auf sie verzichten können – in unserem Innern und im sozialen Miteinander (warum sonst wird bei homosexuellen Paaren immer gemutmaßt, wer den weiblichen und wer den männlichen Part hat). Im Extremfall erklären wir die, die wir nicht einordnen können, als krank. Aber vielleicht sind gerade sie diejenigen, die eine Fähigkeit zur Unschärfe-Toleranz und eine Fähigkeit zum Dissens (Plänkers 2014) haben, über die wir anderen, die wir nicht queer denken, nicht verfügen? (Maggie Nelson 2017) Vielleicht müssen wir unsere psychoanalytischen Theorien „nur“ anders denken, querdenken oder sie zumindest ernstnehmen. Freuds konstitutionelle Bisexualität ernst nehmend hat Reiche (1990) auf die jedem Menschen innewohnende Geschlechterspannung hingewiesen. Er wurde des Biologismus geziehen und ansonsten überhört. Bisexualität meint jedoch nicht nur die mögliche Wahl beider Geschlechter als sexuelle Partner oder die gelebte sequentielle Hetero- und Homosexualität (Margret Hauch), sondern ebenso die mehr oder weniger starke doppelgeschlechtliche Identifizierung in jedem von uns, die eine nicht aufhebbare innere Spannung erzeugt, psychisch und körperlich, und die eine Arbeitsanforderung ans Ich zur Folge hat. Ich werde die Geschlechterspannung im Kontext der Verarbeitung der Erkenntnis des Geschlechtsunterschiedes erörtern und deren Auswirkungen auf den Ausgang des Ödipuskomplexes (die Art der Partnerwahl) diskutieren, (Imhorst 2015, 2017), ehe ich zum Stellenwert der Adoleszenz für die Entwicklung einer Geschlechtsidentität komme. Anhand der Geschichten einiger meiner Patient*innen möchte ich skizzieren, wie Menschen mit dieser psychischen Arbeitsanforderung, die Geschlechterspannung in sich immer wieder auszubalancieren, zurechtkommen oder auch nicht und wie sie es schaffen, eine ihnen seelisch und sozial mögliche Lebenspraxis zu finden oder auch nicht. Das beginnt im Kindergarten und endet oft nicht im hohen Alter. Vorstellen möchte ich den Jungen, der sich mit Rückendeckung des Vaters mit Rock in den Kindergarten traute, bis in die Grundschule hinein Mädchenkleidung trug und sich dann entschied, als Junge zu leben; den Jungen, dessen Familie seine "mädchenhaften“ Verhaltensweisen stets aggressiv abwertete, der schließlich als Jugendlicher immer wieder über Nacht wegblieb, bis er in der Trans*-Szene Anschluss fand und 16jährig mit einem ebenfalls transidenten Mädchen seine Kleidung tauschte, um „als Mädchen“ wieder bei seiner Familie aufzutauchen und sie ihr als seinen „Freund“ vorzustellen; die fast 80jährige Frau, die ihre Personenstandsänderung wieder rückgängig machte, die aber ohne ihre Brust keine Partnerin mehr fand und die darob nicht mehr aus ihrer chronischen, schweren Depression herausfand; Den verheirateten Familienvater, der sich schon immer als Frau fühlte, der aber erst in die Sprechstunde kam, nachdem seine Frau nach Jahrzehnten die sexuelle Beziehung aufgegeben hatte womit ihm eine Möglichkeit genommen war, in der Phantasie während des heterosexuellen Verkehrs eine Frau „zu sein“. Zertifizierung wird beantragt, 2 Fortbildungspunkte